Taijiquan (Tai Chi Chuan)

zurück zur Übersicht

2. Die kreativen Entwicklungen des klassischen Taijiquan

Aus historischen Aufzeichnungen über die Kampfkünste geht eindeutig hervor, dass General Qi Jiguang nicht nur ein Meister in den Kampfkünsten war, sondern auch durch sein Sammeln und Sortieren von Aufzeichnungen über die militärischen Kampftechniken und Volkskampfstile, für die spätere Geschichte eine wichtige Rolle spielte. Chen Wangting lebte ca. ein halbes Jahrhundert später und konnte die Aufzeichnungen aus den "32 Formen des Boxens" des Generals nutzen, um sie letztendlich in den von ihm geschaffenen Chen – Stil des Taijiquan, umzusetzen. Welche von den damals bekannten Stilen den Meister Chen ebenfalls inspirierten ist nicht genau belegt, doch gilt es als sicher, dass er ebenso Aspekte anderer bedeutender Stile der damaligen Zeit in seinem neuen System verwendete.
Wenn man sich einen Überblick über die Dokumente verschafft, mit denen sich Chen Wangting befasste und sich die Erkenntnisse anschaut, welche er über die traditionellen Kampfkünste, aus seiner Zeit des Studierens und Sortierens, hinterließ, ergibt sich ein interessantes Bild. Die Hauptmerkmale dieser Arbeit sind:

1) Kombination der Kampfkunst mit den Techniken des Daojin (die bewusste Benutzung der inneren Kraft) und Tuna (Technik der tiefen Atmung).

Hua TuoDie traditionelle chinesische Gesundheitsübung des langen Stehens, – die Technik des Daojin –, benutzt zur Stärkung der Gliedmaßen und des Körpers die gedanklich gesteuerte Entwicklung der inneren Kraft, mit gleichzeitigem Vor- und Rückbeugen des Körpers, öffnenden und schließenden Bewegungen der Gliedmaßen und einer tiefen Atmung in den Bauch hinunter. Diese Übungen sind seit sehr langer Zeit bekannt und tauchten zum ersten Mal in Schriften von Autoren wie Lao Zi, Zhuang Zi, Meng Zi und Qu Yuan auf, welche auf das vierte Jahrtausend v. C. datiert werden. Die Sechs – Tier – Übungen des Liu An aus der Han – Dynastie sowie die Fünf – Tier – Übungen sind ein Ergebnis von Überarbeitungen der Übungen des Arztes Hua Tuo aus der späten Han – Dynastie. Er verband als erster die beiden Übungsformen (Daojin und Tuna) mit den Imitationen von Tierbewegungen. Im Laufe der Geschichte entwickelten sich daraus das Qigong (Übungen zur Regulierung der Lebensenergie durch die Atmung) und das Neigong (Übungen zur Entwicklung der inneren Kraft).

2) Die Entwicklung von spiralähnlichen Dreh- und Bogenbewegungen, die weich und fließend miteinander verbunden sind und in Übereinstimmung mit der Jingluo – Theorie der traditionellen chinesischen Medizin stehen.

Jingluo – ist ein Netzwerk von Haupt- und Nebenkanälen und Verbindungen durch die die vitale Energie Qi fließt und auf welchen die Akupunkturpunkte liegen. Dieses Netzwerk hat seinen Ursprung in den inneren Organen und verbreitet sich von dort aus im ganzen Körper. Wenn das Qi, die vitale Energie, normal durch das Jingluo – System fließt und sich in allen Bereichen des Systems in Harmonie befindet, dann ist der Mensch gesund und kann ein langes Leben genießen. Durch die Nutzung der Jingluo – Theorie der Kampfkünste, zur Stärkung der äußeren Kraft und der Techniken des Daojin und Tuna, zur Stärkung der inneren Kraft, hat das Taijiquan einen großartigen Effekt auf die Gesunderhaltung. Das Taijiquan benutzt hauptsächlich spiralähnliche Doppelbewegungen. Diese wechseln zwischen öffnend und schließend, Spannung und Entspannung und Festigkeit und Weichheit. Der Taiji - Übende lenkt sein Qi willentlich und konzentriert durch den ganzen Körper. Es entspringt im Unterbauch und verbreitet sich über die Drehbewegungen, mit der Hüfte als Hauptdrehpunkt, im gesamten Körper. Durch die Bewegungen der Hüfte und der Wirbelsäule werden die Nieren massiert und ermöglichen dem Qi in den Ren-, Du-, Dai- und Chong – Kanal zu fließen. Das Qi kann sich dann aufwärts, durch das Drehen der Arme, Ellenbogen und Handgelenke, bis zu den Fingerspitzen ausbreiten und abwärts, durch das Bewegen der Knie und Sprunggelenke, bis zu den Zehen. Von dort fließt es dann zurück zum Unterbauch. Einer der Effekte dieser Techniken ist die Kräftigung der Offensiv- und Defensivkraft des Körpers und die Verbesserung der Explosivkraft der Extremitäten. Aus diesem Blickwinkel hat Chen Wangting die Jingluo – Theorie nicht nur einfach benutzt, sondern auch weiterentwickelt.

3) Die Entwicklung der Technik der schiebenden Hände (Tui Shou) für zwei Personen.

Tui ShouDas Tui Shou ist eine kombinierte Übungsmethode in den traditionellen chinesischen Kampfkünsten. Seit den frühesten Zeiten werden die einzelnen Elemente der Kampfkunst, wie das Treten, das Schlagen, das Niederschlagen, das Greifen und das Fallen separat trainiert. Nur das Falltraining als Element, unabhängig von den Angriffs- und Verteidigungstechniken geübt, entwickelte sich in eine eigenständige Richtung. Aufgrund der hohen Verletzungsgefahr bei einem realistischen Training, wurden die meisten Techniken hauptsächlich ohne Kontakt oder teilweise nur symbolisch trainiert. Das machte das Training ungefährlicher, aber auch wirkungsloser für die Anwendung der Techniken im Kampf. Somit entwickelten sich eine Vielzahl der Stile, ohne das geheime Wissen der Meister der älteren Generationen, nicht weiter auf ein höheres Niveau. Das ist der Grund, weshalb einige der großartigsten Boxstile des alten China, über Generationen hinweg ihre ursprüngliche Vitalität verloren haben und nur noch ihr Name an diese Blütezeit erinnert. Schon Wang Zhengnan, Huang Baiji’s Meister, der in der frühen Qing – Dynastie lebte, pflegte zu sagen, wenn er Schüler des Neijia – Boxens sah, die nur schöne aber unwirkliche Bewegungen übten: Diese Schule (bezogen auf das Neijia – Boxen) ist zum scheitern verurteilt!

Tui ShouDie Tui Shou – Methode, die von Chen Wangting entwickelt wurde, ist für das Üben zu zweit konzipiert. Zwei Boxer, die sich an den Handgelenken berühren, machen drehende und stoßende Bewegungen um die Sensibilität der Hautberührung und das Körpergefühl zu verbessern. Diese Methode benutzt nicht nur verschiedene Kampftechniken wie Greifen, Schieben, Stoßen etc., es trainiert und verbessert diese auch. Chen Wangting’s Methode des Greifens z. B. ist nicht nur ein bloßes Ergreifen des Armes oder des Beines, um den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen, sondern auch gleichzeitig ein Angriff auf die Vitalbereiche des Gegners. Chen’s Methode war zu seiner Zeit sehr kampfeffizient, jedoch auf Grund der Tatsache, dass seine Tritte bleibende Verletzungen hinterließen, trainierte man hauptsächlich die Wurf- und Grifftechniken.
Da die von Chen entwickelte Methode keinerlei Trainingsausrüstung, wie spezielle Kleidung, Protektoren oder ähnliches benötigte, konnte man sie zu jeder Zeit und an jedem Ort üben. So kann man zu den fünf bekannten Kampfmethoden noch eine sechste, das Tui Shou, hinzufügen. Heutzutage hat sich das Taiji Tui Shou mehr oder weniger zu einer Art Kampfsport entwickelt.

4) Die Entwicklung eines Sets von Basisformen für den Speerkampf, bei denen der Speer permanent um den Gegner geführt wird.

Die Partnerform „der klebende Speer“ benutzt die Grundidee des Taijiquan für die kämpferische Handhabung von Langwaffen und löst somit das Problem des sicheren Trainierens ohne Schutzausrüstung. In den Übungen wirbelt, dreht, sticht und zieht der Übende schnell wie der Wind den „klebenden Speer“ in endlosen Kreisen. Diese Methode bietet eine einfache und leichte Möglichkeit, die kämpferischen Fähigkeiten zu verbessern.

5) Die Entwicklung der Boxtheorien auf der Grundlage von General Qi Jiguang's „Boxrichtlinien“, sowie die Entwicklung des Prinzips der versteckten Härte in der Weichheit und das Ausführen verschiedener Bewegungen um die Taktik des Gegners zu beeinflussen.

Die Kreativität Chen Wangting's bei der Entwicklung seiner Faustkampfregeln spiegelt sich in den ersten beiden Zeilen seiner „Zusammenstellung von Boxregeln“ wieder. Dort heißt es:
Die Aktionen sind sehr zahlreich und führen auf den verschiedensten Wegen ganz und gar unvorhersehbar zum Gegner - Ich übertrage sie in kreisenden Bewegungen und einer Folge von Handberührungen.
Die handberührenden Bewegungen beziehen sich auf das beidseitige gegeneinander Pressen der Arme zweier Übender um die Fähigkeit einer schnellen Reaktion zu entwickeln und die Technik des „niemand kennt mich, aber ich kenne jeden“ zu erfahren.

Die äußeren Kampffähigkeiten entwickeln sich auf ein höheres Niveau, wenn die Kraft von innen kommt und die innere Energie nach außen tritt. Diese Grundsätze spielen eine große Rolle in den chinesischen Kampfkünsten und dienten vielen großen Meistern nachfolgender Generationen, wie Wang Zongyue, Wu Yuxiang und Chen Xing, als Basis für ihre Künste und die Entwicklung des Taijiquan.

Das Prinzip des Trainings des Taijiquan ist, dass der gesamte Körper entspannt ist mit gleichzeitiger Konzentration auf die Kraft des Geistes statt des Einsatzes der Muskulatur.
Der Prozess ist: "von der Entspannung zur Weichheit, welche, wenn sie gesammelt wird, zur Festigkeit wird und dann wiederum zurück zur Weichheit wechselt, mit dem Ergebnis, dass beide, Weichheit und Festigkeit, einander vervollständigen. Es ist unebedingt erforderlich, dass einer schnellen Bewegung eine langsame vorangeht und ebenso nachfolgt. Das gleiche gilt im umgekehrten Fall. Die langsamen Bewegungen müssen dabei deutlich langsamer sein als die anderen und die schnellen Bewegungen deutlich schneller als die anderen. Diese Aufmerksamkeit auf der inneren Kraft, statt der Äußeren, bot eine völlig neue Trainingsmethode, um das Niveau der Kampftechniken auf ein höheres Level zu heben.
Chen Wangting’s Erkenntnisse und Entwicklungen machten das Taijiquan zu einem der bedeutendsten Boxstile der chinesischen Kampfkunst. Gerade die entspannenden und gesundheitsfördernden Aspekte sind es, die seine heutige Popularität ausmachen.

zurück zur Übersicht

3. Die Entwicklung des Taijiquan in den letzten 100 Jahren des 19. Jahrhundert